27. Januar 2016

Dieses Buch wendet sich an Schülerinnen und Schüler, an Lehrer sowie an Menschen, die grundsätzlich an der Tiefenstruktur lyrischen Schreibens interessiert sind!






Wer einen Zugang zum Gestalten von Gedichtinterpretationen finden will oder einfach auch nur Sicherheit in deren Gestaltung gewinnen möchte, für den habe ich dieses Buch geschrieben.

Gerade in in abiturnahen Klassen kommt das Üben von Gedichtinterpretationen und -vergleichen aus den unterschiedlichsten Gründen manchmal zu kurz und manche Schülerinnen und Schüler haben deshalb gar nicht die Option oder trauen sich nicht, eine Gedichtinterpretation im Abitur zu nehmen.
Meine Erfahrung aber war einfach, dass die, die Gedichtinterpretationen und -vergleiche wählten, oft gut, ja sehr gut abgeschnitten haben.

Mit Hilfe dieses Buches soll, wer möchte, sich vorbereiten oder Sicherheit gewinnen können; ich hoffe, ab der 9., spätestens 10. Klasse kann man alles gut verstehen.
Wem etwas unklar bleibt oder wer spezielle Fragen hat, kann mittels der Kommentarspalte auf der hierfür eingerichteten Seite (siehe auch Sidebar rechts ganz oben) nachfragen; solche Nachfragen schalte ich frei, wenn sie von allgemeinem Interesse sind; wer mit seiner Frage nicht ins Netz gestellt sein will, schreibt das einfach dazu.

Ich habe dieses Buch im Übrigen auch für Menschen geschrieben, die mehr darüber erfahren möchten, wie Gedichte wirken, wie es lyrischen Texten also gelingt, die Tiefenstruktur unseres Inneren zu erreichen.

Grundlagen und ganz Handwerkliches wird vermittelt und z.B. erklärt, was genau ein Versmaß ist, welche Versfüße es gibt und wie man mit metrisch schwierigen Fällen umgeht, um welche stilistischen Mittel man wissen sollte und wie sie die Textaufnahme beeinflussen und auf den Leser wirken.
Fachbegriffe wie Personifikation, Metapher, Synästhesie, Konnotat, Hypotaxe und andere mehr, die zu Beginn beängstigend wirken können, werden an vielen Beispielen erläutert.
Gleiches gilt für metrische Analysen. Gerade in diesem Bereich ist es wichtig, Sicherheit zu gewinnen; dem komme ich mit den angebotenen Übungsmöglichkeiten entgegen.

Wie substantielle Einleitungen und Schlussgestaltungen vorgenommen werden und welche unterschiedlichen Möglichkeiten, sie zu gestalten, es gibt: auch dazu finden sich Informationen und Beispiele.
Häufig auftretende stilistische Schwächen werden angesprochen, Möglichkeiten zu deren Vermeidung aufgezeigt und beispielsweise Hinweise zur Gestaltung inhaltlicher Überleitungen gegeben.

Grundsätzlich Wissenswertes rückt ebenfalls immer wieder in den Fokus, warum und wie z.B. Symbole, Mythen, Archetypen und Motive wirken. Natürlich erkläre ich die Begriffe, deren Inhalte uns im Übrigen ein Leben lang begleiten und beeinflussen; auch deshalb ist es gut, davon zu wissen.

Erläuternde Hinweise und zahlreiche beispielhafte Passagen zeigen auf, wie alle Teile einer Interpretation, also Einleitung, Hauptteil und Schluss zu gestalten sind.

Dabei kommen der Arbeit am Text und dem richtigen Zitieren ein hoher Stellenwert zu.

Von all dem weiterzugeben, und zwar auf eine Weise, dass niemand durch superschlaue oder geschwollene Formulierungen ausgeschlossen wird, war eines meiner Ziele. Weil ich auch weiß, dass man manchmal ganz Grundlegendes, woran man z.B. einen Konjunktiv II oder einen Nebensatz erkennt, vergessen hat, erläutere ich auch solche Dinge.

Das Buch liegt im DIN-A-4-Format vor.

Im Anhang finden sich alle besprochenen Gedichte als zu bearbeitende Vorlage, so dass die Analyse der Hebungszahl, des Reimschemas, der Kadenzen und der Reimqualität selbständig geübt und mit der im Textverlauf dargebotenen Analyse verglichen werden kann; anhand von neun Beispielen besteht somit die Möglichkeit, die formale Analyse zu üben, die ja gerade bei gereimten Gedichten wichtig ist. Wegen ihr Gedichtinterpretationen im Abitur beispielsweise nicht zu wählen, ist wirklich nicht notwendig.

Wie gesagt: In dringenden Fällen - Schüler in Not :-) - oder anlässlich von Nachfragen bzw. Verständnisschwierigkeiten besteht die Möglichkeit, über die verlinkte Seite mit mir Kontakt aufzunehmen.

Natürlich freue ich mich über grundsätzliche Kommentare, Verbesserungsvorschläge zur Gestaltung des Buches - was z.B. hätte ausführlicher sein sollen - oder auch, wenn Du schreibst, was Dir gut gefallen hat.

Links:

⤷  Wann ist ein gedrucktes Buch, wann ein e-book sinnvoll?
⤷  Zum Inhaltsverzeichnis

Beispielhafte Buchauszüge:  

  Buchauszug I:    Ein ganz entscheidender erster Schritt
   Buchauszug II:   Vierspalten-Tabelle der metrisch-formalen Analyse
  Buchauszug III:  Gelassenheit als wichtige Tugend bei einer Gedichtinterpretation
⤷   Buchauszug IV:  Vorsicht bei Circe-Verdacht!


26. Januar 2016

Wann ist das Buch in gedruckter Form, wann als e-book sinnvoll?

als Druck:

  • wer wirklich üben und selbst analysieren möchte, welche Arten von Reimen vorliegen
  • wer den notwendigen Blick für reine bzw. unreine Reime - ich differenziere auch zwischen konsonantisch und vokalisch unreinen - schulen möchte 
  • wer sich daran gewöhnen möchte, auf die Hebungszahl zu achten, weil sie für die Analyse sehr wichtig sein kann, vor allem, wenn sie nicht nur innerhalb des Gedichtes, sondern auch im Rahmen einer Strophe variiert 
  • und wer die Kadenzen, also ob männliche oder weibliche Endungen vorliegen, mit einbeziehen möchte


für den ist das gedruckte Buch sinnvoll, weil für die von mir ausführlich besprochenen neun Gedichte das von mir vorgegebene Schema zur formalen Analyse im Anhang für jedes Gedicht ausgefüllt werden kann, ein Schema, was ich für Hausaufgaben und anlässlich von Klassenarbeiten zu übernehmen empfehle - es lässt sich auf jedes Blatt leicht einzeichnen.

Ich persönlich ziehe gedruckte Bücher immer vor, weil das Blättern in ihnen sowie das schnelle Nachschlagen und das Arbeiten in und mit dem Buch besser möglich ist und ich diese Weise des Lesens und Studierens einfach mehr mag.

Im Buch selbst gebe ich mittels der Fußnoten zahlreiche Links an, die zu Seiten im Netz führen, im Rahmen deren manche Aspekte inhaltlicher Art gut dargestellt sind oder auch über meine Informationen hinaus über stilistische Mittel oder Reimformen ausführlich und gut informiert wird.

Ich vermute, dass die angegebenen URLs im Rahmen des e-book als Link funktionieren oder per copy und past leicht eingeben werden können, falls man die ein oder andere Seite aufsuchen möchte.

Das ist sicherlich ein Vorteil des e-book, wobei ich fast alle Links auch als Link-Shortener-Version angegeben habe, sie also, auch wenn man das Buch vorliegen hat, am Computer per Hand gut eingegeben werden können.

Natürlich ist das e-book preiswerter, sicherlich auch ein Aspekt.

Anmerken sollte man allerdings vielleicht noch, dass ein e-book in PDF-Format sinnvollerweise auf einem Tablet oder Computer gelesen wird; für ein Smartphone oder tolino-eReader sind ebooks im PDF- Format wenig geeignet.

Generell halte ich die Buch-Version für das gründliche Studium für günstiger.




Inhaltsverzeichnis


Vorwort  (1)            
                                                                                                                                              
So beginnst Du jede Gedichtinterpretation  (3)     
                       
Stelle Dir alles bildlich vor (3) - Richard Dehmel: Manche Nacht (3) - Stupser ernst nehmen - Verse oder Zeilen und Strophen (4) - das lyrische Ich schafft Distanz - Auffälliges zunächst vorsichtig markieren - nicht zu früh deuten bzw. interpretieren (5) - zuallererst: Bestandsaufnahme - Analyse der Metrik: Vier-Spaltensystem (6) - vierhebiger Trochäus - Kadenzen - Reimformen - konditionales oder temporales wenn (7) - einige stilistische Mittel: Anapher, Ellipse, Synästhesie, Assonanz (8) - über Archetypen (9) - Kampf des Lichtes mit der Dunkelheit - die eigenen Bilder wahrnehmen - Inversion: Wichtiges steht manches Mal am Zeilenende (10)

Eine Einleitung schreiben  (10)

Acht Möglichkeiten der Einleitung (10) - eine Einleitung vorab verfassen (11) - Gedankenbrücken - Rhythmus beachten - Absätze einbauen - gegebenenfalls nachhaken (12) - Ergänzungen und Änderungen übersichtlich gestalten

Den Hauptteil gestalten  (13)

Inhaltliche Überleitung (14) - erstmal einfach nachahmen - Bezug zur Überschrift (15) - Symbolik des Lichts - den Schluss gegebenenfalls mit Hilfe der Lichtsymbolik, evtl. mittels literarischer Bezüge vertiefen (16)

Wenn man mit einem Gedicht nichts anfängt  (16)

Wie ein Archäologe vorgehen (16) - Wortwiederholungen finden (17) - Malstifte - Wasser trinken - Reflexivpronomina und reflexive Verben - was das reflexive sich leistet (18) - Anschaffungen für die Schülerbibliothek - Links zu Epochen-Überblicken - Gedichte der Barockzeit und die Not der Menschen (19)

Gutenberg und der erste Duden: die Bibel  (19)

Der erste Duden: die Bibel (19) - carpe diem und memento mori - wir lernen zitieren (21) - Andreas Gryphius: Abend (22) - eine eindrückliche Personifikation - Einführendes zu Metaphern (23) - nach dem lyrischen Ich fahnden - Sonett zum Ersten (24) - Apostrophe und invocatio dei (24) - Links zu stilistischen Mitteln - immer den strophischen Aufbau überprüfen (25) - immer den Gedankenverlauf überprüfen - Beginn des Hauptteils: drei Möglichkeiten - Metaphern kaschierten Revolutionäres - Wortfelder selbst benennen (26) - schreiben für einen unwissenden Leser (26) - Kernpunkte ggf. noch einmal benennen (27) - Verhältnismäßigkeit der Teile beachten - Bezüge zu anderen literarischen Quellen, Sprichwörtern, Redewendungen und Filminhalten herstellen (28) - Phototropismus der Pflanzen und der Seelen (28) - Metrik-Tabelle (29) - der Alexandriner und sein Merkmal, die Zäsur (29) - Darstellung metrischer Fakten - Genaueres zur Tonversetzung (30) - die Zäsur ermöglicht eine antithetische Darstellung (31) - ein Gedicht voller Bilder: Es ist alles eitel - Antithese und Parallelismus (31f.)

Im Wasser schwimmen Dichter gern  (32)

Vier und fünf Elemente (32) - Volkslied und Diminutiv (33) - beeindruckende Personifikationen - Yin und Yang - Lass uns einfältig werden (34) - Zen-Buddhismus und die leere Tasse (35) - den inneren Cache leeren - J. W. von Goethe: Meeres Stille (35)  - Polyptoton und figura etymologica, Personifikation und Alliteration (36) - Verbindung von Form und Inhalt (37) - Waisen (38) - Metrik-Tabelle - kur und vur (39) -Des Menschen Seele gleicht dem Wasser (39)  - Symbolik und Realität des Wasser-Elements (40) - Gefühle und Spiegelneuronen (41) - die vier Evangelien und die Elemente (42) - Tierkreis und Taten des Herakles - Glückliche Fahrt (43)  - Gedankenentwicklungen, Perspektiven und Kameraeinstellungen beachten (44) - pronominale Vorwegnahme des Es (45) - Metrik-Tabelle (46) - Waise und identischer Reim (47) - einfache Anführungszeichen (48) - Absprachen mit dem Deutschlehrer - Vorsicht bei Circe-Verdacht (49) - Es: auch der Duden weiß nicht alles (50) - A. Holz: Hinter blühenden Apfelbaumzweigen (51) - essayistisch schreiben (52) - Assonanzen klingen (53) - wenn Symbole mitten ins Leben fliegen (54) - Rahmen und Binnenteil: Gliederungen beachten

Den Schlussteil gestalten  (55)

Auch eine Arbeit wird nicht gerne abserviert (55) - acht Möglichkeiten der Schlussgestaltung - energisch bis zum Schluss - Stirn-Hinterkopf halten (56) - Energie durch die Acht - freie Rhythmen

Kosmische Dimensionen und viele Himmel  (57)

Ernst Stadler: Schwerer Abend (57) - eindrückliche Personifikationen und Alliterationen - gefährdete Himmel (58) - Ernst Stadler: Vorfrühling (59) - Konnotat und Denotat (60) - von persönlichen Konnotationen abstrahieren - Prosaton - die Satzstrukturen geben über das Gedicht Aufschluss (61) - ein ziemliches Chaos bezüglich der Hebungen - Jambus mit Tonversetzungen - sehr selten: Trochäus mit Tonversetzung - Hebungen lassen sich relativ leicht analysieren (62) - Metrik-Tabelle - der Sinn verfremdender Bilder und Worte (64) - Bild der Epoche: Edgar Munchs Der Schrei - Chiffre als Bild für das Unsägliche, Rätselhafte - zwei bis drei Bilder stellvertretend beleuchten (65) - meinem Herzen: eine zentrale Wiederholung - von Bedeutung: die Präposition in - Novalis: Nach innen geht der Weg (66) - A. Silesius: Mensch, geh´ nur in dich selbst - die Symbolik von Höhle und Brunnen - Stein der Weisen und Blaue Blume - Ende des Hauptteils und möglicher Schluss (67) - Quellen unbedingt angeben (69) - eine alternative Schlussgestaltung (70)

Wie umgehen mit einem langen Gedicht  (70)

Geburt der Panflöte und panischer Schrecken (71) - Oskar Loerke: Pansmusik (72) - Margaretes Thule-Lied (73) - sich Unklarheiten stellen - Sinneinheiten bzw. Abschnitte: das Gedicht gliedernd erfassen (74) - Zeit für das Hineinhören ins Gedicht - Metrik-Tabelle (75) - Drei- und Fünfhebigkeit beachten - nicht-lineare Wirklichkeiten (76) - wie Pythagoras und Kepler das All sahen: ein Kosmos, eine Ordnung (77) - Metaphern, Anaphern und Polyptota (78) - wichtige Worte und Wendungen zitieren - Aussagen am Text belegen - ein Text ist ein textum, ein Gewebe (79) - Dein Vorgehen ankündigen - Tonversetzung: Aufsteigt der Strahl (80) - Heraklits panta rhei

Geisterstunde oder Geistesstunde  (81)

Drama um Maria - Eduard Mörike: Um Mitternacht (82) - Synästhesie von Auge und Ohr - dem Schreibenden gehört das Wort und unser Hören (83) - immer einen Zusammenhang zwischen Einleitung und Hauptteil herstellen (85) - Leiern hilft - Metrik-Tabelle - eine ganz ungewöhnliche Abfolge von Hebungen (86) - respektlose Quellen - Metrik-Tabelle (87) - der Amphibrachys (88) - Metrik-Tabelle (89) - Satzreihe und Satzgefüge, Parataxen und Hypotaxen (90) - Sportreporter und ihr kriegerisches Vokabular - August von Platen-Hallermunds Venedig-Sonett (91) - wenn Menschen vor Gemälden umfallen (91)

spiritus und anima und ein Hauch von Verfall  (92)

Georg Trakl: Verfall (92) - den Hauptteil kann man auch mit formalen Aspekten beginnen (92) - lernen durch Nachahmung (93) - ein essayistischer Beginn (94) - die Bedeutung von Satzstrukturen - ein Windhauch kann auch ein Seelenhauch sein (96) - was Du Deinem Leser vermittelst (97) - Zitate und guter Stil: vier wichtige Punkte (98) - Bedeutendes als bedeutsam herausstellen: vier Möglichkeiten (99) - Zeilentrennstriche nicht vergessen (100) - verzichte auf ein usw., ein etc. - keine „Der-Dichter-will-uns-damit-sagen“- oder „Das-soll-dem-Leser-zeigen“-Floskeln

Das Zeitliche segnen  (101)

Die Vorsilbe ver - Symbolik der Rose - Rainer Maria Rilke: Herbst (102) - die unglaubliche Musikalität Rilkes: Onomatopoesie, Assonanzen und Alliterationen (103) - die eigentliche Bedeutung von Esoterik - Zahl und erzählen (104) - eine Anadiplose - pars pro toto und totum pro parte (105) - Im Atemholen sind zweierlei Gnaden (105) - die verneinende Gebärde des Alterns (106) - Mikrokosmos und Makrokosmos (109) - alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis - nie die Überleitung zum Hauptteil vergessen - Exkurse sind erwünscht (111) - unser holographisches Bewusstsein - eine mögliche Schlussgestaltung - Atmosphäre der Vorlage und eigene Wortwahl (112) - Metrik-Tabelle - über eine sinnvolle Verwendung von Jambus und Trochäus (112) - Beispiele für den Trochäus, den Daktylus und den Anapäst (115)

Sehnsucht nach der Heimat  (117)

Du sollst Dir kein Bildnis machen (117) - Vorsicht vor Weltanschauungen, die die Welt nicht anschauen - warum Romantiker so gern als weltfremd gelten (118) - ein ach so undramatisches Leben: E.T.A. Hoffmann - politisch und romantisch: die Brüder Grimm - unsere Welt braucht viele Romantiker (119) - einer, der seine Heimat unglaublich liebte: Joseph von Eichendorff - seine Mondnacht (119) - der Konjunktiv II der Vergangenheit (120) - ein folgenreicher Ehekrach im All - Alle Dinge entstehen im Geist (121) - der Mensch: ursprünglich ein Yin-Yang-Wesen - und wenn sie nicht gestorben sind (122) - wenn die Seele ihre Flügel ausspannt, fliegen wir „nach Haus“ (123)




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25. Januar 2016

Buchauszug I: Ein ganz entscheidender erster Schritt!


  • Vollziehe alles nicht nur gedanklich, sondern vor allem bildlich nach, was das Gedicht vorgibt! 
  • Stelle Dir also alles wie eine Dia-, eine Bild-Reihe vor!

Du wirst es nicht glauben: Dieser Punkt ist der allerwichtigste im Rahmen einer Interpretation. Und wenn Du Dir alles vorstellst, wird Dir sofort ganz Wesentliches in Bezug auf das Gedicht, das Du interpretierst, klar sein!
Nehmen wir als Beispiel die erste Strophe von Manche Nacht, einem Gedicht von Richard Dehmel (1863-1920):

Wenn die Felder sich verdunkeln.
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.


Du siehst die Felder? 
Stelle Dir Felder vor!
Du siehst in einer Bildfolge, wie die Felder zunehmend dunkler werden.
Du fühlst Dein Auge?
Dehmel spricht von einem Auge, nicht von zweien; sei da ganz gewissenhaft! 
Du fühlst, dass es heller wird.
Vielleicht geht es Dir wie mir: Ich habe so etwas noch nie gefühlt, aber das Ich des Gedichtes - man nennt es lyrisches Ich - fühlt es.
Das ist Fakt und ausschlaggebend.
Manchmal hat man eine schwache Empfindung für etwas; es mag einfach eine leise Irritation sein, und man neigt dazu, über sie hinwegzugehen. Man lässt sie dann nicht wirklich ins Bewusstsein dringen.
Das könnte auch hier der Fall sein. Wenn Du über solch eine Empfindung, eine leise Wahrnehmung also, hinweggehst, kann es sein, dass sie nicht mehr auftaucht.
Nimm deshalb solche schwachen Stupser Deines Inneren ernst! Dann melden sie sich auch mit der Zeit deutlicher. 
Hier z. B. würde Dir in der Tat durchaus Wichtiges entgehen. Dazu später mehr. 
Möglich ist übrigens auch, dass Du dieses Gefühl, dass das Auge heller wird, kennst; vielleicht benennst Du es nur anders.
Mache einfach nach dem Vers ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen. Oder beides :-) 
Du siehst zum ersten Mal, was das exakte gedankliche Vorstellen bringt! Sonst wäre Obiges womöglich nicht in Dein Bewusstsein vorgedrungen.
Der Stern - auch hier ist nur von einem einzelnen die Rede - funkelt nicht, er versucht zu funkeln.
Da muss er sich richtig bemühen. Stell Dir das bitte vor!
Hörst Du die Grillen zirpen - nein, wispern (Z. 4) steht da.
Sie wispern schneller!
Ist das unangenehm in Deiner Vorstellung? Wird alles aufgeregter? Oder einfach intensiver?
Meine Güte, ganz schön was los in dieser ersten Strophe!
Wenn Du all das so vor Dir siehst und in Dir fühlst, bist Du genau auf dem richtigen Weg!
Geheimnisse - vor allem auf dieser frühen Stufe - nicht irgendetwas in die Worte, in die Verse hinein, was nicht dasteht. Nimm genau das, was Du vorfindest!

Verse und Zeilen meinen übrigens im Rahmen eines Gedichtes dasselbe. Ich persönlich spreche im Rahmen von traditionell gestalteten Gedichten, also solchen, die ein erkennbares Metrum haben und gereimt sind, in der Regel von Versen, bei solchen ohne Metrum und Reim von Zeilen.

Das ist der Einstieg zu diesem Buch. Er ist gewiss nicht schwierig, manchem mag er fast ein wenig läppisch vorgenommen - aber weit gefehlt: Er ist sehr wichtig und die Basis für alles weitere Vorgehen. - Es wird schon noch anspruchsvoller, keine Bange :-)

Auch bei diesem Gedicht erhältst Du beispielhafte Hilfen für einen guten Stil, gekonnte Überleitungen und Anderes mehr, wenn ich beispielhaft den Beginn des Hauptteil formuliere:

Fast jeder wird das schon erlebt haben, dass die Nacht hereinbricht und man einen Stern funkeln sieht. Manchmal muss man noch einmal hinschauen, ob es wirklich ein Stern war. Dehmel erfasst diese Situation, indem er in I,3 schreibt, dass „ein Stern zu funkeln (versucht)”. Meist sucht man dann noch nach weiteren und findet sie auch recht schnell. Nacht und Sterne bringen in aller Regel Ruhe und Frieden, doch hier wird auch etwas aufgeregter, schneller, die Grillen nämlich (vgl. I, 4).

Wenn Dir die Komparative aufgefallen sind, dann solltest Du auch auf sie verweisen, denn sie sind ein grammatikalisches Faktum; Du kannst natürlich auch schon schreiben, dass sich das ganze Geschehen offensichtlich steigert. Das entspricht ja den Tatsachen; die Komparative bringen das mit sich.
Zugleich kannst Du sie als Möglichkeit der Überleitung zur nächsten Strophe nutzen, beispielsweise so - ich beginne mit einem eben schon verwendeten Satz:



Nacht und Sterne bringen in aller Regel Ruhe und Frieden, doch hier wird auch etwas aufgeregter, schneller, die Grillen nämlich (vgl. I,4). In diesem Zusammenhang fällt auf, dass beide in der ersten Strophe vorkommenden Adjektive im Komparativ stehen, also eine Steigerung beinhalten. Das gilt übrigens auch für die zweite Strophe. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass auch hier alle Adjektive in der ersten Steigerungsstufe stehen.


Schon bist Du mit Hilfe der Bezugnahme auf die gesteigerten Adjektive in der zweiten Strophe und das ohne eine langweilige Formulierung wie:

In der zweiten Strophe finden wir das lyrische Ich weiterhin unterwegs . . .

Eines aber möchte ich nochmals betonen: Begib Dich nicht zu schnell in eine Interpretation, indem Du sofort allem einen tieferen Sinn zu geben versuchst. Das könnte sonst Wege zu einem angemessenen und wirklich tiefen Verständnis des Gedichtes verstellen. (...)

Soweit der Buchauszug.
Natürlich werden der Gebrauch von Textverweisen und das Zitieren auf den folgenden Seiten gründlich erklärt!

zum Buchauszug II


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Buchauszug II: Vierspalten-Tabelle der metrisch-formalen Analyse

Jedes der neun beispielhaft besprochenen Gedichte wird mit seinen wichtigsten Passagen, bisweilen auch  zur Gänze wie im Folgenden, analysiert.
Auf den letzten Seiten ist für alle diese Gedichte eine Vorlage abgedruckt, die jeder übungshalber ausfüllen kann, um seine eigene mit der im Textverlauf dargebotene Analyse vergleichen zu können.

Im folgenden Gedicht von Ernst Stadler ist z. B. wichtig zu bemerken, dass die Hebungszahl der Versfüße variiert; die erste Strophe beginnt mit einem sechshebigen Jambus und endet mit einem elfhebigen. Ihr dritter Vers ist trochäisch gestaltet.

Auf all dies und anderes für das formale Verständnis des Gedichtes Wichtige wird natürlich erläuternd eingegangen. Nicht immer ist die Metrik für die Interpretation von großer Bedeutung; wenn es der Fall ist, dann ist es jedoch wichtig zu wissen, wie man damit umgeht, damit man auch dem Inhalt wirklich gerecht werden kann:




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24. Januar 2016

Buchauszug III: Gelassen stieg die Nacht an Land! - Gelassenheit ist im Rahmen einer Interpretation eine wichtige Tugend!

Sie kommt auch durch Sicherheit, die man durch Bücher wie dieses und eigenes Üben - das ist natürlich sehr hilfreich - gewinnt.

Zunächst hast Du im Rahmen der Lektüre die Möglichkeit, Dich mit der formalen und inhaltlichen Seite eines Gedichtes zu beschäftigen, hier einem Gedicht Eduard Mörikes mit dem Titel Um Mitternacht, das beginnt:

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
      Und kecker rauschen die Quellen hervor,
      Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
            Vom Tage,
      Vom heute gewesenen Tage.

Bei diesem Gedicht auf S. 82 hast Du als Leser schon einige Erfahrung und deshalb beginnen meine Ausführungen:

Kein Zweifel, Du wirst den Kehrreim bemerkt haben, die Tatsache, dass sich die beiden letzten Verse wiederholen. Und wo wir dabei sind: Die Quellen und singen wiederholen sich auch (vgl. I,5f.; II,5f.).
Vielleicht hast Du Dir auch das Klingen der Himmelsbläue vorgestellt, dann hast Du diese eindrucksvolle Synästhesie erkannt, wobei das nicht die einzige Stelle ist, in deren Rahmen mehrere Sinne angesprochen werden, denn in I,3 ist einerseits vom sehenden Auge die Rede und in I,4 andererseits vom stillen Ruhen der Waage; dann jedoch endet die Stille unmittelbar, denn das lyrische Ich sieht die Quellen und vernimmt deren Rauschen und Singen.

Immer wieder sind die Sinne wechselweise angesprochen.

Vielleicht wirst Du, als ich das lyrische Ich ansprach, gedacht haben: Nanu, hab´ ich da was übersehen?
Nein, das hast Du nicht, es kommt nicht vor, und doch ist es anwesend, wie ich finde, z. B. in seinem Bewerten der Situation, dass nämlich die Quellen das Wort behalten, diese keck-frechen Kinder der Mutter Nacht. Wobei es kein Fehler ist, wenn Du vom Autor sprichst, der das so gestaltet. Aber Du weißt - und wirst Dich vielleicht noch an die Anmerkung erinnern -, dass wir dem Autor eine Distanz gönnen wollen, vor allem, wenn Meinungen und Sichtweisen vertreten werden. In der Prosa schafft, wie angesprochen, ein möglicher Er-Erzähler eine Distanz zwischen Leser und Autor, in der Lyrik - um es ruhig noch einmal zu wiederholen - ist es das lyrische Ich, das zwischen den Leser/Hörer und den Dichter tritt, weil der Mensch, der hier schrieb, möglicherweise gar nicht wirklich so denkt oder Dinge so sieht, sondern sich ausprobiert oder sich in jemanden hineinversetzt. Ein Dichter lebt ja viele Leben in seinen Texten - und wir tun das auch, und ohne dass wir es merken, macht uns das reicher.

Aber ich gehe fast eine Wette ein, all das war nicht das Erste, was Dir aufgefallen ist, denn dieses Gedicht ist für mich DAS Paradebeispiel für eine Personifikation. Ehrlich gesagt, bewundere ich Eduard Mörike für diesen Anfang. Was wirft allein die erste Zeile für ein majestätisches Bild auf unseren inneren Monitor: Gelassen steigt die Nacht an Land!

Und dann dieser Kunstgriff Mörikes, mit diesem Partizip Perfekt zu beginnen: Gelassen. - Einfach stark!

Mörike schwankte eine Zeit lang, das Gedicht nicht mit Gelassen, sondern mit Bedächtig beginnen zu lassen. Gott sei Dank kehrte er zu Gelassen zurück.

Oben Angesprochenes könntest Du auch anlässlich einer Gedichtinterpretation schreiben, denn sie umfasst ja, wie wir bereits wissen, nicht nur ein Aufzählen von metrischen und formalen Gegebenheiten - schrecklich ist, wenn sich letztere verselbständigen -, sondern darf auch eine Art Essay sein, wenn Du Dich zurückerinnerst.

Ohnehin gilt es zu wissen, dass jede Interpretation anders aussehen kann. Es können metrische und formale Aspekte dominieren, ein andermal kann der essayistische Ton überwiegen. Man darf sich keinem Zwang unterwerfen, und wenn Du eine Interpretation schreibst, wird auch Dein Lehrer oder ein unbeteiligter Leser DEINEM Schreiben folgen; das gehört zum Respekt, den man einem Schreibenden entgegenbringt - wie Du das gegenüber dem Dichter tust -, dass man sich also darauf einlässt, welche Schwerpunkte ER setzt; nur wenn sie offensichtlich falsch gesetzt sind, wenn Wichtiges nicht genannt oder Formales kaum berührt wird, dann ist das Anlass zur Kritik.

Doch in Bezug auf jedes Gedicht gibt es eine gewisse Bandbreite, was man als Schreibender präferiert, also bevorzugt, und was man gegebenenfalls vernachlässigt.

Was ich Dir aber unbedingt noch einmal ins Gedächtnis rufen möchte, ist - und das vereinigt ja alle Interpretationen zu einem Gedicht -, dass unsere eigene Meinung nicht zählt, in erster Linie nicht, in zweiter Linie nicht, in dritter Linie nicht.

Entscheidend ist, was der Dichter schreibt, wie er die Welt sieht, wie er die Natur darstellt, in welcher Stimmung er ist (. . .)


In der formalen Analyse ist Dir eine tabellarische Darstellung behilflich, wobei im Buch Hebungen und Senkungen noch markiert sind, die hier nicht darstellbar sind.


Qual
Reim
Kad
Heb
E. Mörike, Um Mitternacht (I, 1-4)
r
a
m
4
Gelassen stieg die Nacht ans Land,
r
a
m
4
Lehnt träumend an der Berge Wand,
kur
b
m
5
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
kur
b
m
5
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
 

Im Rahmen dieses Gedichtes biete ich dem Leser in der Folge eine Art der Einleitung unter den acht zu einem früheren Zeitpunkt genannten Möglichkeiten an mit einem grundsätzlich wichtigen Übergang in den Hauptteil - hier also zunächst die Einleitung:

Mitternacht ist eine magische Zeit. Die Stunde von Schlag 12 bis 1 Uhr ist die Geisterstunde, in der die Toten ihre Gräber verlassen und auf dem Friedhof tanzen, wie wir aus Goethes Ballade Der Totentanz wissen. Dort wäre diese Zeitspanne für einen Türmer fast zum Verhängnis geworden, weil jener sich des Hemdchens eines Geistes, der sein Totenhemd ausgezogen hatte und gerade nackt zwischen den Gräbern tanzte, bemächtigt hatte. Kurz vor 1 Uhr wollte der Geist aber sein Hemdchen wiederhaben und rückte dem Türmer näher und näher. Gerade noch rechtzeitig schlug es 1 Uhr und das Gerippe zerschellte. 
Die vormitternächtliche Zeit ruft uns ins Bett. Ist aber der Zeiger über die Zwölf hinweg, dann beginnt jene Zeit der Nacht, in der wir oft wahrnehmen, wie still die Welt ist und wie schön es manchmal ist, diese Stille zu genießen. Da ist es unser Geist, der zur Ruhe kommt. - Auch so kann Geist wirken.
Eduard Mörike, der sich in bemerkenswerten Gedichten immer wieder den Tageszeiten zugewandt hat, z.B. in jenem Gedicht, das er als 21-Jähriger schrieb, überschrieben „An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang”, in weiteren, überschrieben „In der Frühe”, „Ein Stündlein wohl vor Tage” oder auch „Nachts am Schreibepult”, titelte sein Gedicht Um Mitternacht.

Das ist nicht Punkt Mitternacht. Wir werden sehen, wie weit das „Um” reicht.  
Faszinierend zunächst ist der Einstieg mit einem Wort, das unglaublichen Raum beansprucht: „Gelassen”. Wenn jemand das Gedicht vorträgt, lässt er dieses Wort, so stelle ich mir vor, für eine Weile im Raum schweben. - Dann aber kommt die Nacht ins Spiel. Und wie! Wir erfahren, dass sie aus dem Wasser kam, vermutlich dem Meer entstieg.
Wie majestätisch mag das geschehen sein! Ein richtiger Film kann da in unserem Inneren ablaufen, in dem die Nacht womöglich einen wehenden Mantel umhat, von dem noch eine ganze Weile das Wasser abperlt.
Nun - und damit sind wir bei einer weiteren bemerkenswerten Auffälligkeit dieses Gedichtauftaktes - lehnt sie an der Berge Wand. 
Das „stieg” (I,1) war einmal. Und doch vermochte womöglich die eine Zeile, die erste Zeile, uns einen ganzen Roman zu erzählen, eine Welt voller Bilder zu suggerieren.
Eine Zeile weiter aber sehen wir die Nacht vor uns, wie sie träumt. Es ist Gegenwart.

Und es reicht nicht ein Berg, um Wand für sie sein zu können. Nein, sie bedarf „der Berge Wand” (I,2). Sie lehnt an allen zugleich.
So ist die Nacht!
Eindrucksvoller kann sie kaum Gestalt annehmen, und die vorliegende Personifikation ist eine ausgesprochen imposante. 
Wie konnte jemals jemand annehmen, Nacht sei einfach nur eine Tageszeit. Nein, Nacht ist ein Wesen, dem das Meer gewogen ist, denn offensichtlich darf sie in dessen Fluten eintauchen und ihnen wieder entsteigen, und dem auch die Berge gewogen sind, die sich womöglich sogar geehrt fühlen, dass sie sich gegen ihre Wand lehnt.

Es ist im Folgenden, als ob ein lyrisches Ich, das sich sprachlich gar nicht zeigt, unser Augenmerk auf „Ihr Auge“ (I,3) lenkt. Ja, es ist von nur einem Auge die Rede (. . .)


Mittels dieser Beispiele wird der Leser immer wieder darauf gelenkt, wie man stilistisch eine Interpretation abfassen kann und wie sehr es auf die detailgenaue Betrachtung des Textes ankommt.
Nach einer solchen Interpretation sieht man die Mitternacht mit anderen Augen.

Das ist auch der Sinn solch einer Interpretation. Sie verändert unser Bewusstsein, lässt uns Dinge neu sehen!



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23. Januar 2016

Buchauszug IV: Vorsicht bei Circe-Verdacht!

Inmitten von Anmerkungen zu Metaphern, zu Jamben und Anapästen oder zu Schreibbeispielen findet sich auch Wissenswertes, das für das Abfassen von Deutscharbeiten, aber auch für unser Leben selbst wichtig ist; ich gebe hier den Buch-Auszug zur Wirklichkeit der Circe wieder:

(. . .) Denken wir nur, was Odysseus und seine Gefährten auf der Insel der Circe haben erleben müssen, jener Zauberin, die einen Teil seiner Gefährten in Schweine verwandelte. 
Kennst Du das Verb becircen? Es leitet sich von dieser Circe ab, und sie gibt es noch heute in vielfachen Ausprägungen. Circen sind jene Frauen, die nichts anderes wollen, als einen Mann zu becircen, ihm den Kopf zu verdrehen, ihn gleichsam in ein Schwein zu verwandeln. Männer, die auf eine Circe abfahren, sinken im Grunde auf dieses Niveau. Achte mal darauf, wenn eine Circe ein Lokal oder einen Saal betritt. Allein beispielsweise durch das Klacken ihrer Schuhe auf dem Parkett bringt sie es zustande, dass die Köpfe von 70 Prozent aller Männer herumfahren. Das genießt eine Circe. Mehr will sie gar nicht. Und sie bringt das auch zustande bei Männern, die mit ihrer Frau oder Partnerin am Tisch sitzen. Denen verdreht sie den Kopf ganz besonders gern. - Ein Mann, der seine Frau schätzt, fährt nicht auf eine Circe ab. Die Frage ist also, warum die Circen dieser Welt so erfolgreich sind!
Von der Circe-Episode des Odysseus, die ein Jahr dauerte und nur ein Ende fand, weil seine Gefährten den Helden eindringlichst aufforderten, endlich weiterzufahren, kann man als Mann und als Frau viel lernen. Ohne dieses Drängen wäre er womöglich bei dieser Zauberin hängengeblieben und hätte Penelope, die Mutter seines Sohnes Telemach, die seit weit über zehn Jahren in der Heimat so tapfer zu ihm stand, im Stich gelassen. Womöglich kommt man durch das Wissen über den dunklen Zauber der Circe sich selbst auf die Schliche, weil man selbst Circenhaftes in sich hat und entsprechend agiert, oder man fährt erst gar nicht auf eine Circe ab. Wer allerdings ihr auf den Leim geht, steckt in bestimmten Bereichen seiner Seele fest und fraglich ist, ob er jemals eine wirklich vollwertige Beziehung wird führen können. 
Umso wichtiger ist es, mit dieser Episode konfrontiert zu werden.
Erkenntnis verändert Verhalten und Einstellungen - und damit auch die Qualität von Beziehungen.
Natürlich gibt es auch männliche Circen. Sie ähneln jedoch eher Gockeln, die auf dem Mist furchtbar laut krähen müssen, um bestimmt auch beachtet zu werden.

Solches Wissen also kann vorteilhaft sein, weil man sich selbst auf die Schliche zu kommen vermag oder als Frau auf das Verhalten einer Circe nicht mehr eifersüchtig sein muss. Vergleichbar Wissenswertes gilt für die Taten des Herakles oder den Mythos um Siegfried bzw. Parzival: Immer finden sich tiefe Weisheiten. 
Eine tiefe Weisheit, das noch zum Abschluss zu Glückliche Fahrt, liegt auch in der Verwendung des Personalpronomens Es (. . .)


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